Vögel

Rotmilan Milvus milvus und Windkraft – Probleme und Lösungen

Windenergieanlagen haben Auswirkungen auf Natur und Landschaft, insbesondere auf Vögel. Das Kollisionsrisiko bei Greifvögeln, zu denen auch der Rotmilan gehört, ist besonders hoch. Die Erfassungen von Kollisionsopfern der brandenburgischen Vogelschutzwarte zeigen, dass der Rotmilan neben dem Mäusebussard eine der am häufigsten betroffenen Arten ist, da der Rotmilan Windparks nicht meidet und im Nahbereich der Anlagen fliegt.

Der Rotmilan weist in Deutschland einen Brutbestand von 10.500-12.500 Brutpaaren auf, weltweit sind es insgesamt 19.000 bis 23.000 Paare (siehe dazu IUCN Rote Liste). Deutschland trägt daher für den Rotmilan eine besondere Verantwortung, denn mehr als 50% des weltweiten Bestands ist in Deutschland angesiedelt. Die Schwerpunktgebiete des Rotmilans in Deutschland liegen in einem breiten Streifen von Nordost nach Südwest über Mecklenburg-Vorpommern, Brandenburg, Sachsen-Anhalt, Südniedersachsen, Hessen und Rheinland-Pfalz (siehe Abb. 1).

Der Rotmilan ist in Anhang I der Vogelschutzrichtlinie aufgeführt, für die nach Artikel 4 besondere Schutzmaßnahmen hinsichtlich ihrer Lebensräume anzuwenden sind, um ihr Überleben und ihre Vermehrung in ihrem Verbreitungsgebiet sicherzustellen. Weltweit, nach den IUCN-Kategorien, ist er als "globally near threatened" eingestuft (siehe dazu IUCN Rote Liste).

Der Rotmilanbestand ist seit 1991 im Rückgang begriffen (Mammen & Stubbe 2009). Dafür verantwortlich ist u. a. die Windenergienutzung. Das erhöhte Kollisionsrisiko für Rotmilane an den Windenergieanlagen trägt dazu bei. Aufgrund der herausragenden Verantwortung Deutschlands für den Schutz der Art, seine weite Verbreitung innerhalb Deutschlands und wegen der hohen Gefährdung durch Kollisionen gehört der Rotmilan häufig zu den relevanten Arten im Rahmen von Rechtsstreitigkeiten bei der Planung und Genehmigung von Windkraftanlagen (z. B. OVG Rheinland-Pfalz 1 A 10884/05.OVG und VG Kassel 4 K 749/11.KS). Wenn Windenergieanlagen in der Nähe von Horsten der Art, also innerhalb von Brut- und Nahrungsgebieten des Rotmilans aufgestellt werden, kann von einem erhöhten Kollisionsrisiko für einzelne Individuen und darauf aufbauend mit negativen Auswirkungen für einzelne Populationen gerechnet werden.

Zwar kann durch bestimmte Maßnahmen, wie z. B. eine für die Nahrungssuche des Rotmilans unattraktive Gestaltung des Umfeldes von Windenergieanlagen, insbesondere im Mastfußbereich, das Kollisionsrisiko für Rotmilane gesenkt werden. Dennoch ist die einzige sichere Vermeidungsmaßnahme immer noch eine gute Standortplanung, die entsprechend der Hinweise der Länder-Arbeitsgemeinschaft der Vogelschutzwarten (in Vorb.) einen Abstand von 1.500 m zu Rotmilan-Brutplätzen und einen Prüfbereich von 4.000 m vorsehen.

In Deutschland ist der Rotmilan auch die erste Vogelart, für die Populations-Modellrechnungen gezeigt haben, das die zusätzliche Mortalität durch Windkraftanlagen anderweitig nicht mehr kompensiert werden und damit zu einem Rückgang der Population führen kann. In einer Untersuchung für das Land Brandenburg haben Bellebaum et al. 2013 für alle am Ende des Jahres 2011 in Betrieb befindlichen Windenergieanlagen eine Kollisionsopferzahl von mindestens 304 Rotmilane geschätzt. Die durch die Kollisionen bedingte zusätzliche Mortalität entspricht mindestens 3,1 % des nachbrutzeitlichen Bestandes. Bei Inbetriebnahme bereits genehmigter und geplanter Windenergieanlagen ist mit einer zusätzlichen Mortalität von 4-5 % zu rechnen.

Trotz der Anwendung eines konservativen Ansatzes bei der Schätzung der Kollisionshäufigkeit und des Verfahrens zur Ermittlung der Schwellenwerte, können die jährlichen Verluste aus fachlicher Sicht eine signifikante Erhöhung des Tötungsrisikos bedeuten. Der kritische Schwellenwert von 393 Individuen bzw. 4 % der Population wird bereits bei einem Ausbau der Windenergienutzung innerhalb der bestehenden Genehmigungen und Planungen überschritten. Aber auch wenn die tatsächlichen Werte noch darunter liegen sollten, können negative Einflüsse auf die Populationsgröße nicht ausgeschlossen werden, da der Anteil der Altvögel bei Kollisionen bei 90 % liegt, während der Altvogelanteil in der Population 70 % beträgt.

Downloads & Quellen

Länder-Arbeitsgemeinschaft der Vogelschutzwarten (LAG VSW) (in Vorbereit.): Abstandsregelungen für Windenergieanlagen zu bedeutsamen Vogellebensräumen sowie Brutplätzen ausgewählter Vogelarten.

J. Bellebaum, F. Korner-Nivergelt, T. Dürr & U. Mammen (2013): Wind turbine fatalities approach a level of concern in a raptor population. Journal for Nature Conservation (21). 394-400.

U. Mammen & M. Stubbe (2009): Aktuelle Trends der Bestandsentwicklung der Greifvögel-und Eulenarten Deutschlands. Populationsökologie Greifvogel- und Eulenarten (6): 9-25.

Vorhaben im Rahmen des Bundesprogramms Biologische Vielfalt: Rotmilan - Land zum Leben. Erfahrungen, Ergebnisse und Empfehlungen für Umwelt- und Agrarpolitik unter: www.rotmilan.org.

J. Bellebaum, F. Korner-Nivergelt, T. Dürr, U. Mammen (2013): Kollisionskurs - Rotmilanverluste in Windparks in Brandenburg. Vogelwarte (50): 246-247.
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