Freileitung

Ökologisches Schneisenmanagement (ÖSM)

Lebensräume verändern sich durch den Bau von Energieinfrastrukturen für eine Vielzahl von Arten. Neben den Baueingriffen bei einer Neubautrasse und der Zerschneidungs- und Scheuchwirkung sowie der Kollisionsgefahr durch die Anlagen selber ist die umgebende Landschaft für den Grad der Beeinträchtigung entscheidend: Für den Naturhaushalt macht es einen erheblichen Unterschied, ob die Trasse Wälder, Täler, artenreiches Grünland oder Äcker quert.

Freileitungsmast auf Waldstandort, NABU/ E. Neuling
Freileitungstrasse mit Pioniergehölzen, NABU/ E. Neuling

In Wäldern zeigen sich Stromtrassen in Form von Freileitungen oft als breite Schneisen. Für die Sicherheit der Leitungen ist das Höhenwachstum von Bäumen auf 8 Meter bis zur niedrigsten Stelle des Seildurchhangs begrenzt. In Abhängigkeit der Systemführung und Breite der Traversen ist außerdem ein entsprechend breiter Schutzstreifen erforderlich. Erdkabeltrassen erfordern eine komplette Gehölzfreiheit, wenn auch in einer schmaleren Schneise. Konventionell werden alle aufwachsenden Bäume regelmäßig auf den Stock gesetzt. Bei Freileitungen wird zur Vermeidung neuen Aufwuchses die Trasse gemäht oder gemulcht. Die Breite der Schneise, der Deckungsgrad der Vegetation sowie Trassenbewirtschaftung und -pflege sind ausschlaggebend für deren Wert als Lebensraum für verschiedene Arten.

Aus Naturschutzsicht ist entscheidend, den weiteren Stromnetzausbau auf das unvermeidbare Maß zu reduzieren und naturverträglich zu gestalten. Eine gezielte räumliche Steuerung und eine an den gebietsspezifischen Anforderungen ausgerichtete Trassengestaltung, z. B. durch ein ökologisches Schneisenmanagement (ÖSM), können u. a. die Zerschneidungswirkung von Stromtrassen in Lebensräumen verringern. Als landschaftspflegerische Unterhaltungsmaßnahme der Übertragungsnetzbetreiber in vorhandenen Schneisen, lässt sich dadurch ein wichtiger Beitrag zur Entwicklung der biologischen Vielfalt in intensiv genutzten Agrarlandschaften oder Wirtschaftswäldern leisten.

Statt den Trassenbewuchs in regelmäßigen Abständen komplett zu entfernen oder Weihnachtsbaumplantagen anzulegen, werden die Lebensräume verschiedener Arten durch die gezielte Förderung verschiedener Gehölzarten und -strukturen, die Offenhaltung durch extensive Bewirtschaftung und gezielte Artenschutzmaßnahmen verbessert. Vor allem in Bestandstrassen überwiegen die Vorteile des ÖSM, wenn bspw. der gute Erhaltungszustand eines FFH-Lebensraumtyps oder einer im Gebiet vorkommenden und zu schützenden Art gefördert oder deren gewünschte Ausbreitung unterstützt werden kann. Die dauerhafte Sicherung von Gehölzbeständen kann auch in Bezug auf das Landschaftserleben zu mehr Akzeptanz in der Bevölkerung, für diesen erforderlichen Eingriff, führen.

Integrierte Maßnahmen sind z. B.:

  • Die Stufung der künstlichen Waldränder, die Förderung langsam wachsender Bäume im Sinne einer Niederwaldbewirtschaftung und die Anlage von verbindenden Gehölzriegeln zwischen den getrennten Waldbereichen erhöhen die Struktur- und Artenvielfalt in der Trasse.
  • Durch eine extensive Beweidung oder eine regelmäßige, dem Naturschutz angepasste Mahd werden schnellwüchsige Gehölze und Neophyten zurückgedrängt. Seltene Offenlebensräume, die einer regelmäßigen Pflege bedürfen, etablieren sich.
  • Zusätzliche strukturelle Maßnahmen, wie die Anlage von Rohbodenstellen, Totholzhaufen oder Kleingewässern kommen Vogelarten wie Ziegenmelker oder Heidelerche, wärmeliebenden Reptilien, Insekten, Amphibien und Libellen zugute (siehe dazu auch die Internetseite des DVL e.V.).

Der Leitungsneubau bedeutet in vorher unzerschnittenen Waldgebieten stets einen erheblichen Eingriff, der auch durch das ÖSM nicht zu kompensieren ist. Dies gilt umso mehr, wenn es sich um naturnahe Wälder handelt. Die für einen spezifischen Schutzzweck notwendigen Ausgleichs- und Ersatzmaßnahmen als Gegenstand der Umweltverträglichkeitsprüfung bei der Planfeststellung sind nicht immer mit den Maßnahmen im ÖSM identisch. Dennoch wäre eine Berücksichtigung des ÖSM im Zuge der Planfeststellungsverfahren sinnvoll.

Flächendeckend und für den Netzbetreiber wirtschaftlich umsetzbar, sind in der Regel nur einfache Bewirtschaftungsgrundsätze. Desweiteren ist eine ökologische Strukturbereicherung und die Nutzungsextensivierung in der vorgestellten Form lediglich auf intensiv genutzte Wälder beschränkt. Im Offenland ist die intensive Nutzung als Acker- oder Grünland auch unter einer Freileitung oder über einem Erdkabel weiterhin möglich. Ein ÖSM auf diesen Flächen würde sich jedoch auf die Artenvielfalt, die auf intensiv genutzten Acker- und Grünlandflächen in der Regel eher gering ist, positiv auswirken.

Um die mit dem Trassenneubau und der Umsetzung des ÖSM verbundenen Effekte auf die Artenvorkommen bewerten und einschätzen zu können, sind im Rahmen der Planfeststellung Managementpläne aufzustellen. Die darin enthaltenen Ziele sind durch ein Monitoring zu überprüfen. In waldquerenden Bestandstrassen mildert ein ÖSM durch den belassenen Bewuchs den Eingriff in das Landschaftsbild ab. Beim Trassenneubau kann dadurch der Eingriff in die Landschaft vermindert oder flächensparend ausgeglichen werden. In Einzelfällen können durch das ÖSM aber auch Sichtachsen verstärkt werden.

Downloads & Quellen

Fachhochschule Erfurt, IBU Ingenieurbüro Scheineiche GmbH, 50Hertz Transmission GmbH (2010): Studie Ökologisches Schneisenmanagement zur Thüringer Strombrücke/Südwestkuppelleitung. Europäische Kommission.
FH_Erfurt_2010_Oekolog_Schneisenm6,92 MBDownload
Naturschutzbund Deutschland e. V. (NABU) (2014): Mehr Artenvielfalt auf Stromtrassen. Synergien zwischen Naturschutz und Netzausbau.
NABU 2014 Netzausbau Biodiv2,95 MBDownload