Planung und Beteiligung

Mensch versus Natur am Beispiel des Netzausbaus

Haus unter Hochspannungsmast, fotalia/ Kara

Im Zuge der Realisierung von Netzausbauvorhaben, die im Energieleitungsausbaugesetz (EnLAG) verankert sind, ist es häufig zu Konflikten zwischen der Berücksichtigung des Schutzguts Mensch und denen von Natur und Landschaft gekommen. Auch im Rahmen der anstehenden Bundesfachplanung für die Vorhaben nach dem Netzausbaubeschleunigungsgesetz Übertragungsnetz (NABEG) wird dieser Konflikt mit Sicherheit auftreten. Wie man zu nachhaltigen Lösungen kommt, die sowohl dem Schutzgut Mensch als auch der Natur angemessen sind, ist noch nicht klar.

Von Seiten Betroffener und Anwohner werden v. a. die zu geringen Abstände der Freileitungen zu den Siedlungen kritisiert. Im Mittelpunkt stehen dabei die Auswirkungen von Freileitungen auf die menschliche Gesundheit, insbesondere durch die elektromagnetischen Felder (EMF). In diesem Zusammenhang werden die aktuell einzuhaltenden Grenzwerte und deren Anpassung an den wissenschaftlichen Kenntnisstand diskutiert.

Die in Deutschland einzuhaltenden Grenzwerte für elektrische und magnetische Felder sind in der 26. Bundesimmissionsschutzverordnung (BImSchVO) geregelt. Sie dienen dem Schutz vor nachgewiesenen Gefahren und basieren auf internationalen Empfehlungen (WHO = Weltgesundheitsorganisation, ICNIRP = Internationale Kommission zum Schutz vor nichtionisierender Strahlung, EU). Für Hoch- und Höchstspannungsleitungen gilt ein Grenzwert für die magnetische Flussdichte von 100 Mikrotesla bei maximaler Anlagenauslastung, der in der Regel auch direkt unter Höchstspannungsleitungen eingehalten wird (siehe auch Plan N 2.0).

Bisher war daher die direkte Überspannung von Wohnhäusern bzw. die Unterbauung von Hoch- und Höchstspannungsleitungen zulässig. Mit der Novelle der 26. BImSchVO vom 22.08.2013 ist dies nun bei Trassenneubauten nicht mehr erlaubt. Die Grenzwerte in der Neufassung der 26. BImSchVO berücksichtigen die aktuellen wissenschaftlichen Erkenntnisse zum Gesundheitsschutz der Bevölkerung. Jedoch wird dieser Grenzwert von einer Reihe von Bürgerinitiativen und Beteiligten des Plan N 2.0 als nicht ausreichend betrachtet, da nach ihrer Auffassung bei der Grenzwertsetzung Forschungsergebnisse aus epidemiologischen Studien, die auf Gesundheitsrisiken auch unterhalb des Grenzwertes hinweisen, bei der Festlegung nicht ausreichend berücksichtigt wurden. Neue wissenschaftliche Erkenntnisse müssen daher zeitnah zu einer Anpassung der Grenzwerte führen.

Aufgrund dieser Kenntnislage wird von Bürgerinitiativen häufig der Einsatz von HGÜ-Erdkabeltechnik gefordert. Denn beim Einsatz von HGÜ-Erdkabelleitungen entsteht kein elektromagnetisches Feld, so dass auch keine gesundheitlichen Beeinträchtigungen auftreten. Darüber hinaus fällt mit dem Einsatz von Erdkabeln insgesamt auch das Kollisionsrisiko für gefährdete Vögel weg. Jedoch ist zu berücksichtigen, dass HGÜ-Erdkabel, aufgrund naturräumlicher Gegebenheiten, nicht überall einsetzbar und zudem nur für lange Distanzen mit hoher Übertragungsleistung sinnvoll sind (siehe auch NABU 2013). Erdkabel sollten daher vor allem dort zum Einsatz kommen, wo Freileitungen im Hinblick auf Vogelschutz, Landschaftsbild und der Nähe zu Schutzgebieten und Siedlungen nicht in Frage kommen (siehe auch NABU 2012).

In Niedersachsen sind nach dem überarbeiteten Landes-Raumordnungsprogramm (2012), neu zu errichtende Höchstspannungsleitungen so zu planen, dass zu Wohngebäuden im Außenbereich Abstände von 200 m und zu Wohngebäuden im Geltungsbereich eines Bebauungsplans oder im unbeplanten Innenbereich nach §34 Baugesetzbuch von 400 m eingehalten werden.

Aus Naturschutzsicht problematisch ist es, wenn aus der geplanten geradlinigen Verbindung zwischen zwei Netzknoten eine Zick-zack-Linie wird, wie dies z. B. beim Wahle-Mecklar Projekt zu beobachten ist (Karte mit Maststandorten für den Verlauf von Wahle nach Mast). Damit einher gehen nicht nur höhere Kosten aufgrund der längeren Stromtrasse, sondern auch ein größerer Flächenverbrauch und eine höherer Zahl notwendiger Masten mit entsprechenden Eingriffen in Natur und Landschaft. Um an solch kritischen Stellen sowohl dem Schutzgut Mensch als auch denen von Natur und Landschaft gerecht werden zu können, sind dort Teilverkabelungen zu fordern, sofern dies unter Berücksichtigung der naturräumlichen Gegebenheiten sinnvoll und machbar ist.

Downloads & Quellen

Sechsundzwanzigste Verordnung zur Durchführung des Bundes-Immissionsschutzgesetzes (Verordnung über elektromagnetische Felder - 26. BImSchV) vom 16.12.1996, zuletzt geändert am 14.08.2013.
26 BImSchVO_201362,49 KBDownload
Deutsche Umwelthilfe e.V. (DUH) (2013): Plan N 2.0: Politikempfehlungen zum Um- und Ausbau der Stromnetze.
DUH_2013_Plan_N_21,14 MBDownload
Naturschutzbund Deutschland e. V. (NABU) (2012): Neue Stromnetze für die Energiewende: was müssen wir darüber wissen?
NABU 2012 FAQ Stromnetze715,73 KBDownload
Naturschutzbund Deutschland e. V. (NABU) (2013): Stromfluss unter der Erde: Einsatz von Erdkabeln beim Übertragungsnetzausbau.
NABU 2013 Erdkabel-Leitfaden3,1 MBDownload