Freileitung

Vogelschutz: Vermeidungs- und Minderungsoptionen beim Übertragungsnetzausbau

Weißstorch; F. Derer

Stromfreileitungen haben Auswirkungen auf Natur und Landschaft, insbesondere auf Vögel. Das unmittelbarste Gefährdungspotential für Vögel besteht in der Kollision mit Stromfreileitungen. Besonders gefährlich sind die hoch und auf mehreren Ebenen hängenden Hoch- und Höchstspannungsleitungen. Bei Gegenlicht, Nebel, Regen oder nachts sehen die Vögel die Leiterseile nicht oder zu spät und fliegen mit hohen Geschwindigkeiten vor allem gegen das dünne und besonders unscheinbare Erdseil (NABU 2013).

Neben gewässerreichen Topografien im Tiefland und an der Küste sind es generell größere Vogelrastgebiete im Binnenland, an denen eine zentrierte Vogeldichte mehr Kollisionen hervorrufen kann. Besonders Wasservögel und Limikolen (Watvögel) gehören zu den Vogelgruppen, die durch ihren geraden, schnellen Flug und einem schlechten gerichteten Sehvermögen häufig mit Freileitungen kollidieren. Je größer die Vögel sind, desto schwerfälliger können sie bei abrupten Hindernissen manövrieren und ausweichen. Schwäne, Gänse, Störche oder Kraniche benötigen deutlich mehr Raum als wendigere kleine Vögel.

Brutvögel gewöhnen sich meist an Freileitungen in ihrem Umfeld. Zugvögeln hingegen fehlt die Ortskenntnis. Viele Langstreckenzieher fliegen nachts. Bei schlechter Witterung und starkem Wind verringern sie ihre Flughöhe und kommen in die kritischen Bereiche der dann nicht sichtbaren Freileitungen. Rastvögel müssen täglich von ihren Schlafgewässern zu ihren Nahrungsflächen fliegen. Kreuzende Leitungen werden dann häufig über- oder umflogen, was mit einem höheren Kollisionsrisiko verbunden ist.

Die im Rahmen der Planungsverfahren verpflichtend durchzuführende Alternativenprüfung kann ein Umgehen konfliktreicher Gebiete erreichen. Neben EU-Vogelschutzgebieten bedürfen Important Bird Areas (IBA) und Feuchtgebiete internationaler Bedeutung nach der Ramsar-Konvention einer besonderen Beachtung. Das dichte Infrastrukturnetz Deutschlands bietet vielerorts Optionen neue Leitungstrassen mit bereits bestehenden Straßen, Schienenwegen oder anderen Stromleitungen zu bündeln. In unumgehbaren Vogel-Hotspots muss stets die Option der Erdverkabelung als einzige planungsrelevante Vermeidungsmaßnahme gegen Kollisionen geprüft werden.

Der Netzbetreiber hat jedoch auch bei der Errichtung von Freileitungen einige Gestaltungsspielräume: Durch eine horizontale Leiteranordnung erhöht sich bei Einebenenmasten die Sichtbarkeit für Vögel und bietet einen geringeren vertikalen Gefahrenraum als bei Tonnen- oder Donaumasten (Universität Duisburg Essen et al. 2009). Technische Neuerungen wie Stahlseile zur Zwischenabhängung der Leiterseile, die gleichzeitig als dickes und sichtbareres Erdseil fungieren, sollten weiterentwickelt werden. Hierdurch ließen sich auch Masthöhe und Trassenbreite verringern. Zur Kollisionsminderung können auch Vogelschutzmarkierungen angebracht werden. Verschiedene Fabrikate sind dafür bereits auf dem Markt. In Abhängigkeit von Markierungsabständen und betroffenen Arten zeigten sich in Vergleichsstudien Wirksamkeiten von 55 bis über 90 Prozent (Barrientos 2011). Als Standard empfiehlt sich derzeit eine bewegliche Armatur aus schwarz-weiß-kontrastierenden Plastikstäben, die noch in der Dämmerung eine bessere Sichtbarkeit und Entfernungsabschätzung bietet (Bernshausen et al. 2014).

Downloads & Quellen

R. Barrientos, J. C. Alonso, C. Ponce & C. Palacín (2011): Meta-analysis of the effectiveness of marked wire in reducing avian collisions with power lines. Conservation Biology (25) 5: 893-903.

F. Bernshausen, J. Kreuziger, K. Richarz & S. R. Sudmann (2014): Wirksamkeit von Vogelabweisern an Hochspannungsleitungen: Fallstudien und Implikationen zur Minimierung des Anflugrisikos. In: Naturschutz und Landschaftsplanung 46 (4): 107-115.

Naturschutzbund Deutschland e. V. (NABU) (2013): Vogelflug unter Höchstspannung - Sichere Stromfreileitungen für Vögel.
NABU 2013 Vogelschutz Stromnetze1,66 MBDownload
Universität Duisburg Essen, GFN mbH & GEO (2009): Naturschutzfachliche Analyse von küstennahen Stromleitungen.
Uni Duisburg GFN GEO 20096,66 MBDownload