Netzanbindung

Netzausbau im Wattenmeer: Auswirkungen auf Natur und Landschaft

Die deutschen Nord- und Ostseegebiete haben für den europäischen Meeresnaturschutz eine große Bedeutung. Dies betrifft in hohem Maße auch die Wattenmeerküste. Als 40 Kilometer breiter Gezeitengürtel erstreckt sich das Wattenmeer von den Niederlanden bis Dänemark. Weite Teile dieses einzigartigen Lebensraumes sind nicht nur als Biosphärenreservat und Nationalpark geschützt, sondern wurden 2009 auch als UNESCO-Weltnaturerbe ausgezeichnet. Über 12 Millionen Zugvögel aus Nord- und Osteuropa rasten hier im Herbst und Frühling, um ihre lebensnotwendigen Energiereserven für den weiten Zug in die Überwinterungs- oder Brutgebiete aufzufüllen. Für viele von ihnen ist das der einzige Stopp. Doch selbst innerhalb fester Schutzgebietsgrenzen besteht ein hoher Nutzungsdruck durch Schifffahrt, Muschel- und Krabbenfischerei, Militär oder eben auch durch die Netzanbindung von Offshore-Windparks.

Windparks selbst dürfen durch die besondere naturschutzfachliche Sensibilität und den touristischen Wert des Wattenmeers nur küstenfern errichtet werden. Der auf See erzeugte Strom wird von Sammelplattformen oder Konvertern über in Abständen von 50 bis 100 Metern am Meeresgrund verlegte Seekabelsysteme an Land gebracht. Diese transportieren maximal 900 MW Leistung in Form der verlustarmen Gleichstromübertragung. Die Kabelsysteme sind oftmals über einhundert Kilometer lang, wobei die  Kabel mit einem Durchmesser von 15-25 cm in der Regel zwischen 1,5 und 3 Meter tief in den Meeres- und Wattboden eingebracht werden müssen. Immer wieder entstehen bei der Verlegung Verzögerungen durch Engpässe bei Logistik, Personal und Material sowie durch Munitionsfunde in den Kabeltrassen. Dies führt zu einer andauernden Beeinträchtigung der geschützten Lebensgemeinschaften.

Da Flussmündungen und Schifffahrtsrinnen sicherheitsbedingt nur eingeschränkt für Anbindungstrassen in Frage kommen, kreuzen Kabel bereits heute intakte Bereiche des Wattenmeers. Beispielsweise verläuft die bestehende Leitung vom Windpark Alpha Ventus über die ostfriesische Insel Norderney und kreuzt dabei Flachwasserbereiche, Strände, Salzwiesen und landseitige Schlickwatten. Dadurch verlieren Rastvögel in der Bauzeit wichtige Nahrungsflächen, aber auch Brutvögel und Robben meiden Kabelbaustellen im Watt und verlieren zeitweise wichtige Nahrungs- und Ruhezonen. In den umgepflügten Kabelschneisen können Wattorganismen verloren gehen. Auch später notwendige Wartungsarbeiten stören die empfindlichen Lebensgemeinschaften im Wattenmeer.

Die unkoordinierten Einzelplanungen sowie unzureichende Umwelt- und Naturschutzstandards erschweren ein übergreifendes Konzept für den Bau von Windparks und die Anbindung an das Stromnetz. Die Vielzahl neuer Vorhaben stellt die Planer vor große Herausforderungen, denn die momentan zur Verfügung stehenden Trassenkorridore zu den Netzverknüpfungspunkten sind bereits durch die aktuell geplanten Netzanbindungssysteme ausgelastet. Werden darüber hinaus weitere Kabeltrassen durch das Wattenmeer erforderlich, müssen an diese Eingriffe höchste naturschutzfachliche Anforderungen gestellt werden (NABU 2013).

Der im Nordseeraum verantwortliche Netzbetreiber TenneT setzt zur küstenfernen Verkabelung für Wassertiefen bis zu zehn Meter ein so genanntes Spülschwert und für noch tiefere Meeresbereiche auf Ketten selbstfahrende, vom Schiff aus ferngesteuerte Spülwerkzeuge (so genannte TROVS: trenching remotely operated vehicle) ein. Vor allem bei der Verlegung der sog. „Wattkabelabschnitte“ im Eulitoral (Gezeitenbereich) wurden aufgrund der strengen Auflagen der Nationalparkverwaltungen innerhalb weniger Jahre deutliche Fortschritte erzielt. Im Eulitoral werden bis Wassertiefen von ca. 5 Meter heute sogenannte Vibrationsschwerter eingesetzt, die aus einem herkömmlichen Spülschwert entwickelt wurden und durch Vibrationstechnik auf das herkömmliche Arbeiten mit hohem Spülwasserdruck und Spülwasserdurchsatz verzichten können. Hierdurch konnten die Flächenbeeinträchtigungen gegenüber herkömmlicher Spül- und Frästechnik deutlich minimiert werden. Das Schwert hängt an kran- und windengeführten Stahlseilen direkt an der Bordwand der Verlegebarge, die sich bei Hochwasser mittels Zuganker schwimmend übers Watt bewegt. In Abhängigkeit von den Strömungsverhältnissen und je nach Geschick der Crew kann dabei vielfach auf das Ausbringen und die Verwendung von Seitenankern oder Schiffsunterstützung zur Quersteuerung der nicht über eigene Antriebe verfügenden Barge verzichtet werden, was die baubedingte Flächenbeanspruchung weiter verringert.

Bei der Netzanbindung von Alpha Ventus im Jahr 2008 wurde durch den Einsatz einer Kabelfräse bei Hochwasser und das Ausbringen von Steuerankern mittels Baggerfahrten bei Niedrigwasser zwischen Insel Norderney und Festlandsküste noch eine Fläche von 134,5 Hektar tiefgründig geschädigt. Die Störungen dauerten 40 Tage. Der Einsatz eines Vibrationspflugs beim Wattkabelabschnitt von BorWin1 2009 ergab bereits eine verminderte Schädigung von noch 14,8 Hektar bei einer Halbierung der Verlegedauer auf 21 Tage. Mit einem Vibrationsschwert wird der Wattboden nicht durchpflügt, sondern nur temporär verdrängt. Bei ersten Einsätzen 2012 wurden nur noch sechs Hektar Wattboden geschädigt. Obwohl eine ökologische Baubegleitung im Küstenmeer bereits existiert, werden etwa festgelegte Bauzeitenfenster oft überschritten. Die zuständigen Behörden sollten potenzielle Auswirkungen einheitlich erfassen sowie Kompensations- und Kohärenzmaßnahmen und ein begleitendes Monitoring umsetzen. Eine ökologische Baubegleitung und Qualifizierung der ausführenden Firmen ist auch für die landseitige Weiterführung hinter den Deichen unabdingbar.

Downloads & Quellen

Bundesamt für Seeschifffahrt und Hydrographie (BSH) (2010): Leitsätze für die Anwendung der Eingriffsregelungen gem. § 58 Abs. 1 Satz 2 BNatSchG.
BSH_2010_Leitsaetze_Eingriffsregelung35,97 KBDownload
Bundesnetzagentur 2013: Bestätigter Umweltbericht 2013 zum Bundesbedarfsplan, 12/2013.
BNetzA_2013_Umweltbericht_BBpl14,16 MBDownload
Naturschutzbund Deutschland e.V. (NABU) (2013): Strom vom Meer ins Netz - naturverträgliche Netzanbindung von Offshore-Windkraftanlagen.
NABU_2013_Offshore-Netzanbindung2,03 MBDownload
Niedersächsischer Landesbetrieb für Wasserwirtschaft, Küsten- und Naturschutz (NLWKN) & Nationalparkverwaltung Niedersächsisches Wattenmeer (NLPV) (2012): Kabelverlegungen - Anforderungen des NLWKN und der NLPV an Untersuchungen im niedersächsischen Küstenmeer sowie in Küsten- und Übergangsgewässern. Küstengewässer und Ästuare, Band 5.
NLWKN 2012 Kabelverlegung Kueste344,3 KBDownload