Freileitung

Freileitungen – Auswirkungen auf Natur und Landschaft

Hochspannungsleitung entlang der Talsperre Leibis (bei Oberweißbach), NABU/ E. Neuling

Viele der neuen Höchstspannungs-Freileitungen sollen über weite Strecken auch dort verlaufen, wo sich bisher keine oder kleinere Stromtrassen befinden. Dadurch kann das direkte Lebensumfeld von Menschen beeinträchtigt werden. Viele Anwohner fordern deshalb, dass neue Trassen weiter entfernt vom Siedlungsrand gebaut werden. Doch auch Lebensräume für Tiere und Pflanzen verändern sich durch den Bau neuer Masten und die dabei entstehenden Schneisen. Der Netzausbau birgt somit Konfliktpotenzial durch die zusätzliche Belastung für Mensch und Natur sowie die Abwägung von Schutzprioritäten. Im Rahmen eines mehrstufigen Planungsprozesses muss es gelingen, unter Berücksichtigung der raumplanerischen und technischen Möglichkeiten, die Auswirkungen auf Menschen, Landschaften, Lebensräume und betroffene Arten so gering wie möglich zu halten.

Räumliche und strukturelle Veränderungen durch die Stromübertragung ergeben sich vor allem bei Freileitungen überall dort, wo Schneisen entstehen und offen gehalten werden müssen oder wo Gewässer gequert werden. Die Auswirkungen auf Tiere und Pflanzen durch Freileitungen entstehen bei der Durchführung der Baumaßnahmen und durch die Anlagen selber. Durch die Entfernung von Vegetation und Gehölzen und den punktuellen Bodenaushub beim Bau der Mastfundamente gehen Lebensräume verloren und es kann zu Tötungen bodenlebender Kleintiere kommen. Durch den entstehenden Lärm und Unruhe in der Bauphase können Vögel, Fledermäuse und andere Säugetiere gestört werden. Für Vögel geht jedoch das größte Risiko von den Leitungen, den Erdseilen, aus, da sie mit diesen kollidieren können. Groß- und Wasservögel sind davon deutlich stärker betroffen als Greif- oder Kleinvögel. Kollisionen von Fledermäusen sind bei Stromleitungen nicht bekannt.

Die Anlage beeinflusst mitunter auch die Nutzung der Trassenbereiche durch Tiere. Im Wald sind die notwendigen Schneisen oft über 70 Meter breit und erlauben aufgrund der Leitungssicherheit keinen höheren Baumbestand. Wärmeliebende Reptilien, Kleinvögel und Insekten, die Waldränder besiedeln, finden zwar neue Lebensräume, für kleine Wirbeltiere und Insekten dichter Waldhabitate entsteht jedoch durch die Auflichtung und dem sich dadurch verändernden Waldklima eine ökologische Barriere. Scheue Großvögel, wie Schwarzstorch und Schreiadler, die unzerschnittene Waldbereiche benötigen, verlieren durch Leitungsschneisen Lebensräume. Die entstehenden Lichtungen bieten der Ansiedlung und Ausbreitung von Neophyten Raum.

Auch in offenen Landschaften beeinträchtigen Freileitungen Natur und Landschaft. Vogelarten, die baumlose Niederungen und Grünland bewohnen, meiden Stromtrassen. Die hohen Masten erzeugen durch ihre landschaftsuntypische, vertikale Struktur Meidungsbereiche für Wiesenbrüter und Gänse. Gleichzeitig bieten Höchstspannungsmasten und -leitungen künstliche Ansitzmöglichkeiten für Greif- und Krähenvögel. Auch Füchse suchen die extensiv genutzten Bereiche der Mastfüße regelmäßig nach Kleinsäugern ab. Für Wiesenvögel, deren Bestände aufgrund der intensiven Landwirtschaft fast ausnahmslos abnehmen, sinkt an Freileitungen durch den erhöhten Prädationsdruck der Bruterfolg.

Die Auswirkungen von Leitungstrassen auf das Landschaftsbild lassen sich bisher nicht einheitlich erfassen und unterscheiden sich je nach Betrachtungsmaßstab. Der Sichtraum ist vor allem im flachen Offenland und auf Höhenzügen mit einer besonders großen Fernwirkung verbunden. Im Nahbereich beeinträchtigen Trassenschneisen im Wald die Landschaftsästhetik und das Naturerleben. Die unterschiedliche Wahrnehmung von Anwohnern, Touristen oder Fachleuten erschwert ein einheitliches Bewertungsmodell zusätzlich. Für die 380 kV-Leitung im Biosphärenreservat Schorfheide-Chorin (Brandenburg) haben Peters et al. (2011) einen methodischen Ansatz zur Bewertung der Beeinträchtigungen des Landschaftsbildes entwickelt (Peters 2013). Flächenausweisungen für schützenswerte oder kulturhistorisch wertvolle Landschaften gibt es bislang nur in einzelnen Bundesländern.

Eine Leitungsführung durch intensiv genutzte Landschaften ist stets einer Zerschneidung naturnaher Räume vorzuziehen. Auch eine Bündelung mit bestehenden Leitungen, ggf. auch mit Autobahnen und Schienenwegen reduziert die zusätzliche Belastung von Landschaften und Lebensräumen, wobei negative kumulative Effekte jedoch vermieden werden sollten. Einen wesentlichen Beitrag kann die technische Ausführung, z. B. die Mastbauweise, leisten. Im Offenland sollte von Tonnenmasten abgesehen werden, um die Fernwirkung und das Vogelkollisionsrisiko zu verringern. Ein Verzicht auf die breiten Einebenenmasten in Wäldern hingegen hilft, Schneisen möglichst schmal zu halten. Bei einer Waldüberspannung würden keine durchgängigen Schneisen geschlagen. Diese kann jedoch Vögel und Fledermäuse gefährden. Erfahrungen zu den spezifischen Auswirkungen von Gleichstrom-Freileitungen fehlen bisher.

Weitere Verminderungsoptionen sind:

Downloads & Quellen

J. Peters, E. Brahms, M. Welsch, F. Torkler, C. Wygoda & O. Sass (2011): Hochspannungsfreileitung und Landschaftsbild - Ein methodischer Ansatz zur Bewertung der Sichtwirkung und der landschaftsästhetischen Beeinträchtigung am Beispiel der 380-kVLeitung im Biosphärenreservat Schorfheide-Chorin (Brandenburg). HNE Eberswalde, unveröffentlichter Projektbericht.

M. Brahms (2013): Anforderungen an die Umsetzung der Eingriffs- und Ausgleichsregelung beim Ausbau länderübergreifender Energienetze. Schriftenreihe des DRL, Heft 84, S. 83-86.

J. Peters (2013): Erneuerbare Energie und Landschaft - Bewertungen der Auswirkungen von Höchstspannungstrassen auf das Landschaftsbild. Vortrag auf dem Expertenworkshop: Welche Auswirkungen auf Lebensräume und Landschaft gehen von Trassen zur Stromübertragung aus und wie lassen sie sich vermeiden oder verringern? (Vortrag)
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