Bedarf

Beschleunigter Übertragungsnetzausbau? – Bedarf, Planung und Ausbaustand

Hochspannungsmast an der Havel, NABU/ K. Karkow

Die Umstellung der Stromversorgung auf erneuerbare Energien erfordert den Ausbau der Netzinfrastruktur im Höchstspannungsbereich, um den Strom von den Erzeugungszentren im Norden in die Verbraucherzentren im Süden transportieren zu können.

Mit dem Energieleitungsausbaugesetz (EnLAG) wurden im Jahr 2009 24 vordringliche Netzausbaumaßnahmen festgelegt. Auf vier Teilstrecken soll eine Erdverkabelung als technische Alternative zu Freileitungen erprobt werden. Für die Auswahl dieser Netzausbau-Maßnahmen hat der Gesetzgeber die dena-Netzstudie I der Deutschen Energie-Agentur und die Leitlinien für die transeuropäischen Energienetze (TEN-E) der Europäischen Union herangezogen. Von den 24 Netzausbauvorhaben nach dem EnLAG befindet sich der Großteil nicht im Zeitplan, 352 von 1877 km wurden bisher realisiert (Stand 2014, BNetzA 2014). Gründe sind u. a. die mangelnde Koordination zwischen den Netzbetreibern und den Ländern bei der Planung sowie zahlreiche Einwände von Gemeinden und Verbänden als Folge fehlender Information und Beteiligung am Planungsprozess.

Nicht nur wegen dieser Verzögerungen beim Netzausbau hat die Bundesregierung im Sommer 2011 neue Instrumente zur Netzplanung und Genehmigung beschlossen. Kernelemente sind ein novelliertes Energiewirtschaftsgesetz (EnWG) und das Netzausbaubeschleunigungsgesetz (NABEG). Das EnWG regelt die Ermittlung des vordringlichen Netzausbaubedarfs, die Festlegung der Trassenkorridore und die Zulassung der Ausbauvorhaben.

Mit den dena-Netzstudien I und II wurde seit 2005 der Versuch unternommen, ein strategisches Konzept zur Weiterentwicklung des Stromnetzes in Deutschland zur Anbindung und Integration erneuerbarer Energien in Verbindung mit einem kostenoptimalen Einsatz konventioneller Kraftwerke und einem zunehmendem europäischen Stromhandel aufzustellen. So sind der dena-Netzstudie II zufolge 3.500 Kilometer neue Stromtrassen bis zum Jahr 2020 notwendig, wenn gleichzeitig 3.100 km bestehende Trasse optimiert werden und auf den neu zu errichtenden Trassen ein Freileitungsmonitoring durchgeführt wird. Diese Zahlen beruhen jedoch auf unklaren Annahmen der Energiekonzerne und Netzbetreiber. So hängt der Netzausbaubedarf auch davon ab, mit welchem Kraftwerkspark gerechnet wird: Je mehr unflexible Kohle- und Atomkraftwerke mit ihrem Strom die Leitungen belasten, desto größer wird der Systemkonflikt im Netz mit dem schwankenden Stromangebot aus Wind und Sonne. Innovative Technologien wie Erdkabel oder Hochtemperaturseile wurden in der dena-Studie als zu teuer abgelehnt.

Neue Stromleitungen sollten, wenn dies die naturräumlichen Gegebenheiten erlauben, überall dort unter die Erde, wo Mensch und Natur durch Freileitungen unzumutbar beeinträchtigt werden, denn im Vergleich zu Freileitungen zerstören Erdkabel nicht das Landschaftsbild, gefährden keine Vögel und werden von der Bevölkerung eher akzeptiert.

Seit Juni 2011 werden für die Planungs- und Genehmigungsverfahren von Höchstspannungsleitungen, die Länder- oder Staatsgrenzen überqueren, neue Wege gegangen. Mit dem NABEG wurde ein Maßnahmenpaket beschlossen, dass die Dauer länderübergreifender Verfahren reduzieren soll, indem Genehmigungsverfahren besser koordiniert und vereinfacht werden. Bisher endet der Netzausbau oft wegen unterschiedlicher Planfeststellungsverfahren an der Grenze zwischen zwei Bundesländern. Für bundesweit und europäisch bedeutsame Ausbauprojekte sieht das NABEG eine Bundesfachplanung vor, die zukünftig von der Bundesnetzagentur (BnetzA) als Genehmigungsbehörde durchgeführt wird, die die Raumordnung der Bundesländer ersetzt. Zudem wurde die Beteiligung der Bürger durch die erstmalige Schaffung einer mehrstufigen Öffentlichkeitsbeteiligung verbessert, um die Akzeptanz zu steigern.

Der erste gemeinsame Netzentwicklungsplan (NEP) der vier deutschen Übertragungsnetzbetreiber (ÜNB) wurde 2012 vorgelegt und von der BNetzA geprüft und bestätigt. Die BNetzA hat einen Bundesbedarfsplan einschließlich eines Umweltberichts vorgelegt und dem Gesetzgeber zum Erlass eines Bundesbedarfsplangesetzes (BBPG) übermittelt. Das Gesetz über den Bundesbedarfsplan ist 2013 in Kraft getreten. Damit können die Mechanismen des NABEG greifen. Im Zuge dieser ersten Verfahrensschritte zur Erstellung von Netzentwicklungsplan und Bundesbedarfsplan samt Umweltbericht wurde, insbesondere von den Umweltverbänden, Kritik an der mangelhaften Alternativenprüfung in beiden Dokumenten geübt. Inzwischen haben die ÜNB auch auf Druck der BNetzA weitere Einflussfaktoren auf den Netzausbaubedarf untersucht (siehe Artikel zu Sensitivitäten). Zu einer Optimierung der bisherigen Alternativprüfungen sowie zu vorerst nicht berücksichtigten Optionen wie der reduzierten Einspeisung aus CO2-intensiven Kraftwerken tauschen sich Umweltverbände, BNetzA und ÜNB weiterhin im Rahmen der Beteiligungsverfahren und darüber hinaus aus.

Downloads & Quellen

Deutsche Energieagentur (2005): dena Netzstudie I: Energiewirtschaftliche Planung für die Netzintegration von Windenergie in Deutschland an Land und Offshore bis zum Jahr 2020.
dena-Netzstudie I6,63 MBDownload
Deutsche Energie-Agentur (2010): dena-Netzstudie II: Integration erneuerbarer Energien in die deutsche Stromversorgung im Zeitraum 2015 – 2020 mit Ausblick 2025.
dena-Netzstudie II12,89 MBDownload
Gesetz zum Ausbau von Energieleitungen (Energieleitungsausbaugesetz – EnLag) vom 21. August 2009 (BGBl. I S. 2870), das zuletzt durch Artikel 3 des Gesetzes vom 23. Juli 2013 (BGBl. I S. 2543) geändert worden ist.
Enlag 201353,58 KBDownload
Netzausbaubeschleunigungsgesetz Übertragungsnetz (NABEG) vom 28. Juli 2011 (BGBl. I S. 1690), das durch Artikel 4 des Gesetzes vom 20. Dezember 2012 (BGBl. I S. 2730) geändert worden ist.
NABEG 201283,62 KBDownload
Gesetz über den Bundesbedarfsplan (Bundesbedarfsplangesetz – BBPlG) vom 23. Juli 2013.
BBPl G 201362,1 KBDownload
Gesetz über die Elektrizitäts- und Gasversorgung (Energiewirtschaftsgesetz - EnWG) vom 7. Juli 2005 (BGBl. I S. 1970, 3621), das zuletzt durch Artikel 3 Absatz 4 des Gesetzes vom 4. Oktober 2013 (BGBl. I S. 3746) geändert worden ist.
En WG 2013439,68 KBDownload
Bundesnetzagentur (BNetzA) (2012): Bestätigung Netzentwicklungsplan Strom 2012 durch die Bundesnetzagentur für Elektrizität, Gas, Telekommunikation, Post und Eisenbahnen.
BNetz A 2012 Bestaetigung Netzentwicklungsplan Strom6,65 MBDownload
Bundesnetzagentur (BNetzA) (2014): Stand des Ausbaus von Energieleitungen nach dem Energieleitungsausbaugesetz (EnLAG) zum ersten Quartal 2014.
BNetzA_2014_EnLAG-Gesamtuebersicht5,19 MBDownload