Kraftstoffe

Nachhaltigkeitszertifizierung – ein Weg zu mehr Nachhaltigkeit?

Ackerrandstreifen (Mohn, Kamille), M. Steininger

Die Bioenergienutzung ist vor dem Hintergrund der Ausweitung des Energiepflanzenanbaus nicht nur in Deutschland und Europa, sondern weltweit zunehmend in die Kritik geraten. Gründe dafür sind zunehmend negative Auswirkungen auf Umwelt und Natur, Abholzung von Wäldern, Anbau von Monokulturen mit wiederum negativen Auswirkungen für den Boden, Oberflächengewässer und Grundwasser sowie zunehmende Landnutzungskonkurrenzen und die Verdrängung der bäuerlichen Landwirtschaft. Inzwischen wird auch die Klimaneutralität der Biomasse aufgrund des notwendigen Energie-, Dünger- und Pestizideinsatzes und der indirekten Landnutzungsänderungen in Frage gestellt.

Deshalb wurden auf europäischer Ebene mit der Erneuerbaren-Energien-Richtlinie Nachhaltigkeitsstandards für die Herstellung von Biokraftstoffen und flüssigen Biobrennstoffen eingeführt. Mit diesen Vorgaben soll die Erzeugung nachwachsender Rohstoffe innerhalb oder außerhalb der EU aus einem nachhaltigen Anbau gefördert werden.

Auf Basis der europäischen Vorgaben hat Deutschland 2009 die Biomassestrom-Nachhaltigkeitsverordnung und die Biokraftstoff-Nachhaltigkeitsverordnung erlassen, die beide ökologische Mindeststandards und Grenzen für die Produktion von Treibhausgasen festsetzen. Zu den ökologischen Mindeststandards zählen z. B. der Schutz von naturschutzfachlich wertvollen Flächen oder solchen mit hohem Kohlenstoffbestand, wie der von Mooren.

Jedoch fehlen immer noch Nachhaltigkeitsanforderungen auch für feste und gasförmige Biomassen, wenn nicht sogar für die landwirtschaftliche Produktion insgesamt (vgl. Ammermann & Luick 2012). Nicht zuletzt deshalb wird der Sinn und Zweck einer Nachhaltigkeitszertifizierung für den Energiepflanzenanbau von vielen Seiten kritisch gesehen.

Um einen nachhaltigen Energiepflanzenanbau zu erreichen, sind verschiedene Vorgaben aus Natur- und Umweltschutzsicht zu berücksichtigen: so dürfen bspw. Rohstoffe nicht aus Primärwäldern oder Regenwaldgebieten stammen und die Arbeits- und Sozialbedingungen der betroffenen Bevölkerung müssen verbessert werden. Der WWF hat vor dem Hintergrund unterschiedlichster Anbieter von Zertifizierungssystemen übergeordnete Kriterien für die Standards diskutiert und erarbeitet, um diese bewerten zu können.

Wichtige Dimensionen der Bewertung von Standards und Zertifizierungssystemen sind nach der Studie:

  • die Nachhaltigkeitskriterien (ökologische, ökonomische, und soziale),
  • die Rückverfolgbarkeit und Mengenbuchhaltung (chain of custody) müssen in der gesamten Wertschöpfungskette von der landwirtschaftlichen Produktion bis hin zum Verbraucher und
  • die Qualität der Umsetzung und Kontrollmechanismen (Governance) müssen sichergestellt sein.

Dabei werden den jeweiligen Prinzipien (z. B. den ökologischen Prinzipien = Schutz der Biodiversität und der Ökosysteme) entsprechende Kriterien und Indikatoren zugeordnet (z. B. keine Landnutzungsänderungen in Gebieten mit hohem Wert für die biologische Vielfalt). Das entwickelte Bewertungssystem kann damit einen Beitrag dazu leisten, bestehende Standards und Zertifizierungssysteme miteinander zu vergleichen, zu bewerten und Ansätze zu deren Verbesserung zu entwickeln.

Downloads & Quellen

K. Ammermann & R. Luick (2012): Nachhaltigkeitskriterien für die energetische Biomasseerzeugung: Wo stehen wir? - Wo müssen wir hin? Natur und Landschaft (87). 538-542.

Verordnung über Anforderungen an eine nachhaltige Herstellung von flüssiger Biomasse zur Stromerzeugung (Biomassestrom-Nachhaltigkeitsverordnung - BioSt-NachV) vom 23. Juli 2009, zuletzt geändert durch Artikel 2 Absatz 70 des Gesetzes vom 22. Dezember 2011 (BGBl. I S. 3044).
Bio St-Nach V 2009174,32 KBDownload
Verordnung über Anforderungen an eine nachhaltige Herstellung von Biokraftstoffen (Biokraftstoff-Nachhaltigkeitsverordnung - Biokraft-NachV) vom 30. September 2009, zuletzt geändert durch Artikel 2 der Verordnung vom 26. November 2012 (BGBl. I S. 2363).
Biokraft-NachV_2009162,19 KBDownload
Richtlinie 2009/28/EG des europäischen Parlaments und des Rates vom 23. April 2009 zur Förderung der Nutzung von Energie aus erneuerbaren Quellen und zur Änderung und anschließenden Aufhebung der Richtlinien 2001/77/EG und 2003/30/EG.
EU_RL_2009_erneuerbare_Energien1,3 MBDownload
WWF Deutschland (2012): Ein Standard für die Standards - Nachhaltigkeitsstandards für Agrarrohstoffe.
WWF_2012_Nachhaltigkeitsstandards4,03 MBDownload