Artenschutz

Vogelzug über der Nord- und Ostsee

Stare auf Zwischenstation im Naturschutzgebiet Beltringharder Koog, C. Moning

Nord- und Ostsee sind sowohl für nahrungssuchende als auch für Zugvögel von überragender internationaler Bedeutung. Daher sind Untersuchungen zu den Gefährdungspotenzialen von großräumigen Offshore-Windparks unabdingbar, insbesondere vor dem Hintergrund, dass die Seeanlagenverordnung die Gefährdung des Vogelzugs als Versagensgrund bei der Genehmigung von Offshore-Windenergieanlagen nennt.

Daher wurden zu dieser Thematik verschiedene Forschungsvorhaben durchgeführt: so z. B. im Auftrag des Umweltbundesamtes: „Untersuchungen zur Vermeidung und Verminderung von Belastungen der Meeresumwelt durch Offshore-Windenergieanlagen im küstenfernen Bereich der Nord- und Ostsee“ (Gesamtkoordination Alfred-Wegener-Institut in Bremerhaven; Teilprojekt: „Auswirkungen auf Rast- und Zugvögel“, Institut für Vogelforschung) und verschiedene Vorhaben auf den Forschungsplattformen FINO 1 bis FINO 3 in denen mehrere Fernerkundungsmethoden (vertikal und horizontal rotierende Radargeräte, Mikrofone zur Zugruferfassung, Video- und Wärmebildkameras) zur Vogelzugerfassung dauerhaft rund um das Jahr eingesetzt wurden. Damit können ganze Zugperioden erfasst werden, die zudem helfen, die bei Umweltverträglichkeitsstudien stichprobenartig erhobenen Daten einzuordnen. Darüber hinaus finden auch Sichtbeobachtungen statt (Hüppop et al. 2004: 198).

Für Zugvögel ergeben sich aus dem Bau von Offshore-Windenergieanlagen vor allem folgende Auswirkungen: Gefahr der Kollision mit den Windenergieanlagen (Vogelschlag), Barrierewirkung von Windparks auf Zugstraßen, kurzfristiger Verlust von Rast- und Nahrungsgebieten während der Bauphase und bei Wartungsarbeiten durch Versorgungsschiffe und evtl. –helikopter sowie der langfristige Verlust von Lebensräumen (Rast- und Nahrungsgebiete) aufgrund der Scheuchwirkung von Windenergieanlagen.

Durch die bau- und betriebsbedingten Veränderungen der Bodenstruktur könnte lokal das Nahrungsangebot für benthosfressende Vögel verbessert (Einbringen künstlicher Hartsubstrate) oder verschlechtert (Überspülen von Bodentiergemeinschaften) werden. Durch baubedingte Trübungen können sowohl benthos- als auch fischfressende Arten beeinträchtigt werden (Hüppop et al. 2004).

Nichtsdestotrotz sind die Kenntnisse zu den Auswirkungen von Offshore-Windenergieanlagen auf den Vogelzug noch gering, denn die Zusammenhänge sind komplex und es bestehen noch zahlreiche Wissensdefizite (Aumüller et al. 2013: 62, 64). Vogelzug im Offshore-Bereich ist sehr variabel – aufgrund der sich stets ändernden Witterung variieren Artenspektrum, Zugintensität sowie Flughöhe und –richtung. Außerdem muss bei den regelmäßig über das Meer ziehenden Arten zwischen Seevögeln und Nicht-Seevögeln unterschieden werden, da erstere mit ihren Flug- und Schwimmfähigkeiten den Herausforderungen des häufig extremen Wetters eher gewachsen sind als viele der Nicht-Seevögel (Aumüller et al. 2013: 64).

Der Großteil des Vogelzugs findet nachts statt. Über der deutschen Bucht wurden überwiegend Singvögel, v. a. Drosseln erfasst (Aumüller et al. 2013: 63). Unter guten Zugbedingungen fliegen Vögel meist oberhalb der Anlagen. Die Flughöhe wird nur verringert, wenn die Sicht stark eingeschränkt ist. Unter diesen Bedingungen werden Lichtquellen gezielt angeflogen, so dass es dann zu hohen Opferzahlen kommen kann. Jedoch kann man diese zurzeit nicht ins Verhältnis zu dem gesamten Zuggeschehen auf Artniveau setzen, da bisher eine Quantifizierung des nächtlichen Zuggeschehens auf Artniveau nicht möglich ist. Aufgrund dessen lassen sich die Auswirkungen auf Populationen nicht ermitteln.

Zugvögel, fotalia/ A. Lindert-Rottke

Für verschiedene Entenvogelarten und weitere Arten (z. B. Kurzschnabelgänse Spitzbergen) konnte belegt werden, dass das Ausweichverhalten, welches artspezifisch verschieden ausgeprägt ist, eine große Rolle spielt. Auswirkungen ergeben sich v. a. aus dem zusätzlichen Energiebedarf, der für das Ausweichverhalten bzw. Umfliegen großer Anlagen aufgewendet werden muss. Dies kann sich sowohl auf das eigene Überleben als auch auf den nachfolgenden Bruterfolg auswirken (Aumüller et al. 2013: 62 f.).

Wandernde Seevögel sind besonders bei Starkwind und dadurch eingeschränkter Manövrierbarkeit betroffen, da niedrig ziehende Seevögel den Anlagen kaum ausweichen können. Tagsüber kann ein Windpark auch zu einer Unterbrechung des Zuges für die Nahrungssuche führen, so dass die Vögel dann im Nahbereich der Anlagen fliegen und dadurch stark kollisionsgefährdet sind (Aumüller et al. 2013: 65). Da Seevögel langlebige Arten mit vergleichsweise wenig Nachkommen sind, kann sich eine erhöhte Mortalität gravierend auf die Population auswirken.

Zur Quantifizierung des Vogelschlagrisikos kann nur auf Sichtbeobachtungen (direkt und indirekt) und die Wärmebildtechnik (nachts) zurückgegriffen werden. Nachsuchen, wie sie bei Anlagen an Land stattfinden, sind hier nicht möglich. Darüber hinaus werden aktuell Körperschall-Mikrofone getestet, die kostengünstiger als Wärmebildkameras sind und den Aufprall von Vögeln an den Rotorblättern registrieren können (Hüppop et al. 2004: 198). Nachteil dieser Methode ist, dass sie nur Vögel erfasst, die tatsächlich kollidieren und nicht quantifiziert wie viele Vögel die Anlage umfliegen bzw. sie durchfliegen ohne zu kollidieren.

Da viele Vogelarten nachts ziehen und im Dunkeln das Kollisionsrisiko mit Windenergieanlagen als besonders hoch einzuschätzen ist, sind v. a. Kenntnisse zur Flughöhe in der Nacht zu ermitteln (Hüppop et al. 2004: 161). Die Flughöhe ziehender Vögel ist abhängig von den Wetterverhältnissen, so kann sich die Flughöhe bei schlechter Sicht und Gegenwind deutlich nach unten verlagern (Hüppop et al. 2004: 173). Auch die Zugintensität wird von den Wetterverhältnissen, d. h. der Großwetterlage aber auch den lokalen Wetterfaktoren bestimmt. Besonders großen Einfluss auf die Zugaktivität haben der Rückenwind und das Vermeiden von Niederschlagsgebieten (Hüppop et al. 2004: 184 f.). D. h. bei Schlechtwetterperioden nimmt die Zugaktivität ab.

Um die Flughöhen bestimmen zu können, werden Radargeräte eingesetzt. Ergebnis bisheriger Studien ist, dass ein Großteil des Vogelzuges und der Nahrungsflüge über der See in unteren Höhenschichten stattfinden – mehr als 25% aller Vogelbewegungen. Aufgrund dessen muss von einer direkten Gefährdung durch Windparks ausgegangen werden (Hüppop et al. 2004: 171 f.). Da nachts wesentlich mehr Vögel ziehen, sind unabhängig von der prozentualen Verteilung mehr Individuen im potenziellen Gefährdungsbereich von unter 200 m zu erwarten. Bei der Beurteilung des jahreszeiten-abhängigen Gefährdungspotenzials durch Offshore-Windenergieanlagen ist zu berücksichtigen, dass während des Herbstzuges erheblich mehr Vögel die Nord- und Ostsee überqueren als im Frühjahr (Hüppop et al. 2004: 173).

Um das Kollisionsrisiko an Offshore-Windenergieanlagen zu vermeiden oder zu verringern, sind folgende Maßnahmen notwendig: Bewertung von Suchräumen für Windenergieanlagen unter Berücksichtigung naturschutzfachlicher Kriterien, Ausrichtung der Anlagenreihen parallel zur Hauptzugrichtung, mehrere Kilometer breite störungsfreie „Zugvogelkorridore“ zwischen Windparks, Vermeidung von Windparks zwischen Vogellebensräumen (Schlaf- und Nahrungsgebiete) und Vermeidung von Windparks in Bereichen mit Zugvogelverdichtung und Verzicht auf großflächige Beleuchtung, wegen deren anziehender Wirkung auf Vögel (Hüppop et al. 2004: 201). Zudem sollten Anlagen weiter draußen auf dem Meer stehen, da viele Arten küstennah ziehen. Mit Hilfe von Leuchtimpulsen statt Dauerbefeuerung oder bedarfsgerechter Befeuerung, kann das Kollisionsrisiko ebenfalls gemindert werden. Auf Basis einer automatische Erfassung der Rufrate könnte ein lokales Abschalten der Beleuchtung und ggf. der Rotoren erfolgen, wenn massenhaft Vogelrufe aufgezeichnet werden (Aumüller et al. 2013: 63 f.).

Neben detaillierten Erkenntnissen zur räumlich-zeitlichen Verteilung von Vögeln auf und über der offenen See, ist die darauf basierende Abschätzung und Bewertung der Risiken durch Offshore-Windenergieanlagen notwendig. Offene Fragen bestehen auch immer noch zu den folgenden Aspekten: Was bedeutet eine Erhöhung der Mortalität sowie der Energieverlust einzelner Vögel für die Population? Wird der Bruterfolg dadurch nachhaltig geringer oder gleichen bestimmte Arten die Verluste durch mehr Nachkommen wieder aus? Welche Rolle spielen die Auswirkungen von Windenergieanlagen vor dem Hintergrund anderer Veränderungen, wie Lebensraumverlust oder Klimawandel? Da diese Fragen noch nicht beantwortet werden können, ist eine seriöse Prognose derzeit nicht möglich (Aumüller et al. 2013: 65).

Downloads & Quellen

O. Hüppop, J. Dierschke & H. Wendeln (2004): Zugvögel und Offshore-Windkraftanlagen: Konflikte und Lösungen. Berichte zum Vogelschutz (41). 127-211.

R. Aumüller, K. Hill & R. Hill (2013): Offshore-Windenergieanlagen: Mögliche Auswirkungen auf den Vogelzug. Der Falke (60). 62-65.

Verordnung über Anlagen seewärts der Begrenzung des deutschen Küstenmeeres (Seeanlagenverordnung - SeeAnlV) vom 23.01.1997, zuletzt geändert am 30.08.2013.
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